Am 30.05.2026 erklärte uns Severin Wälchli, Bereichsleiter Projektierung & Bau des geologische Tiefenlagers und Mitglied der Geschäftsleitung der Nagra, wie das Endlagerprojekt für radioaktive Abfälle für die weiteren Bewilligungsschritte, insbesondere das Baugesuch, weiterentwickelt wird. Er hat uns viele komplexe Sachverhalte anschaulich und lebendig erörtert, unsere vielen Fragen geduldig beantwortet und uns einen direkten Einblick in die aktuellen Projektvorhaben der Nagra ermöglicht.
Exkursionsbericht
Vom Rahmenbewilligungsgesuch zum Baugesuch
Das Projekt zur Suche nach dem geologisch sichersten Standort der Schweiz zur Errichtung eines Endlagers radioaktiver Abfälle ist mit dem Einreichen des Rahmenbewilligungsgesuches (RBG) durch die Nagra abgeschlossen. Im RBG wird der Standort und die grundsätzliche Machbarkeit eines solchen Endlagers dargelegt und begründet. Das Gesucht enthält jedoch lediglich ein beispielhaftes Projekt mit der ungefähren Ausrichtung der unterirdischen Stollenanlagen und das ungefähre Aussehen der oberirdischen Bauten sowie der Arealbedarf (Bild 1).
Auf einer Exkursion des Vereins Nördlich Lägern ohne Tiefenlager (LoTi) erfuhren wir, wie das Projekt geologisches Tiefenlager der Nagra in Richtung Baugesuch weiterentwickelt wird. Der Fokus im RGB lag insbesondere auf der bautechnischen Machbarkeit und Eignung des Standorts. Im Baugesuch werden die konkretere Ausgestaltung der Anlagen sowie deren Auswirkungen auf Umwelt und Raumplanung untersucht. Dies alles immer unter dem Aspekt, die Langzeitsicherheit des Endlagers für radioaktive Abfälle zu gewährleiten (Bild 2).
Die aktuelle Planung geht davon aus, dass auf eine Rampe, die in den Untergrund führt, verzichtet wird. Stattdessen ist der Bau von drei Schachtanlagen vorgesehen, die den Zugang in rund 800 Meter Tiefe ermöglichen werden. Diese Schachtanlagen werden als erste Bauwerke realisiert, sofern das Projekt vom Parlament, Bundesrat und voraussichtlich von der Stimmbevölkerung, sofern das Referendum gegen den Parlamentsentscheid ergriffen wird, die Legitimation erhält (Bild 3).
Grossbaustelle im Haberstal
Der Vortrieb in die Tiefe braucht eine Grossbaustelle. Spezialisierte Mineure aus Polen, Portugal und Italien werden in zwei bis drei Schichten an der Schachtanlage arbeiten. Sie können, wie bei anderen Grossbaustellen üblich, in einem Containerdorf direkt neben oder auf der Baustelle untergebracht werden.
Tunnels bauen können viele in der Schweiz – Schachtanlagen nur wenige weltweit
Schachtanlagen bauen können nur wenige Unternehmen weltweit, keines davon stammt aus der Schweiz. Einmal in der Tiefe angekommen, werden zuerst die Annahmen zum Opalinuston-Gestein im Lagerbereich geprüft. Dabei soll verifiziert werden, ob die geologischen Eigenschaften den prognostizierten Erwartungen entsprechen bevor weitergebaut werden kann. Dieses schrittweise Vorgehen ist gesetzlich vorgegeben.
Danach erfolgt der Bau der Stollenanlagen. Diese Anlagen ähneln den Anforderungen im Tunnelbau und dazu sind im Gegensatz zum Bau einer Schachtanlage viele in- und ausländische Unternehmen befähigt. Allerdings ist auch dieser Stollenbau ein äusserst komplexes Unterfangen, da Bauen im Opalinuston in dieser Tiefe spezielle Herausforderungen stellt, zum Beispiel beim Bau von Verzweigungsbauwerken. Vorgesehen sind daher einfache Abzweigungen, da diese gegenüber Vierfachkreuzungen deutlich einfacher zu realisieren sind und eine deutlich höhere Stabilität gewährleisten. der Stollen, die Stabilität des Gesteins stark beeinträchtigt. Damit kann das Lagerlayout optimiert werden. Im Rahmen der Projektentwicklung werden auch verschiedene Positionen der Lagerfelder untersucht. So könnte das Lager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle und das Lager für hochradioaktive Abfälle deutlich näher beieinander liegen als exemplarisch im RGB gezeigt (Bild 4).
Während der ganzen Bauphase ist eine enge Aufsicht durch das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (ENSI) vorgesehen, welches die Baustelle täglich im Hinblick auf die Betriebs- und Langzeitsicherheit des Endlagers kontrolliert. Die konkreten Prüf- und Bewertungskriterien sind derzeit jedoch noch nicht abschliessend definiert.
Landschaft im Wandel
Das Gebiet des Haberstals wird sich stark verändern, vom grünen Ort zur bebauten Grossanlage. Das Model im Nagra Treffpunkt Stadel veranschaulicht die Dimensionen des geplanten Vorhabens sehr gut. Die heute ländliche Umgebung wird einer Grossbaustelle weichen. Es entstehen Gebäude, der Waldrand wird zurückversetzt und die Bäume auf eine Maximalhöhe begrenzt, damit sie nicht auf die Anlagen fallen können. Die genaue Höhe der Schachtkopfanlagen hängt noch von der gewählten Bauweise ab; im RGB wird von einer Höhe von maximal 45 Metern ausgegangen. Zum Vergleich: Dies entspricht nahezu dem Doppelten der Höhe des Stadler Turms, der bis zur Plattform etwa 25 Meter misst.
Der beim Bau anfallende Aushub soll, wenn möglich, zum Auffüllen einer nahen Kiesgrube verwendet werden. Die Anlieferung des Baumaterials für das Endlager geschieht über die Strassen, da es keinen Bahnanschluss bis zur Baustelle gibt. Ein Gleisanschluss auf das Areal wäre für die Bahn zu steil und ein Tunnel für den ebenen Zugang zu teuer. Um die Baustelle zu erschliessen, wird die geplante neue Strasse 700 m nördlich der heutigen Querstrasse genutzt, und damit die bestehende Kiestrasse direkt mit der Grossbaustelle im Haberstal verbunden. Der ausgehobene Opalinuston wird zur Herstellung von Ziegeln genutzt, wie dies bereits heute gebräuchlich ist. Aktuell laufen zudem Forschungsprojekte, die untersuchen, ob der Opalinuston als Ersatz von Flugasche bei der Zementherstellung genutzt werden könnte.
Sicherheit der Transportrouten und der Anlagen
Übrigens: Die Castor-Behälter werden künftig vom ZWILAG über die bereits vorhandenen, für Schwerverkehr geeigneten Strassen Richtung zum Haberstal transportiert. Mögliche Zufahrtsrouten sind entweder das Wehntal oder das Furttal. Welche Route im jeweiligen Fall gewählt wird, bleibt aus Sicherheitsgründen vertraulich, um die Vorhersehbarkeit der Transporte zu reduzieren.
Grundsätzlich stellt die Oberflächenanlage besondere Sicherheitsanforderungen, wie sie auch bei anderen kritischen Infrastrukturen bestehen. Trotz dieser Massnahmen lassen sich aussergewöhnliche Ereignisse, etwa sogenannte „Black‑Swan“-Ereignisse, Krisen- oder Kriegssituationen, nicht ausschliessen. Für solche Fälle sieht der gesetzliche Rahmen ein Konzept für einen temporären Verschluss, mit dem das Lager temporär gesichert werden kann. Noch nicht abschliessend geklärt ist, wie die Anlage umfassend gegen moderne Bedrohungen wie Cyberangriffe geschützt werden soll.
Eine gelungene Exkursion
Geleitet wurde die Exkursion von Severin Wälchli, Bereichsleiter Projektierung & Bau des geologischen Tiefenlagers und Mitglied der Geschäftsleitung der Nagra. Er hat uns viele komplexe Sachverhalte anschaulich und lebendig erörtert, unsere Fragen geduldig beantwortet und uns einen direkten Einblick in die aktuellen Projektvorhaben der Nagra ermöglicht. Der Raum für weiterführende Fragen und zur Diskussion wurde immer offengehalten (Bild 5).